Bereits vor dem 19. Jh. gab es eine große Zahl international anerkannter, europaweit gefeierter Künstler – denken wir nur an die verwöhnten Primadonnen und kastrierten Sänger der Barockopern –, trotz dessen verbinden wir das Erscheinen der ersten Stars im modernen Sinne mit der Romantik und dem damaligen Personenkult sowie der bürgerlichen Öffentlichkeit, dem Aufblühen der Presse. Wunderkinder und Virtuosen konnten rasch auch über die Landesgrenzen hinaus internationalen Ruf erlangen, und so war Franz Liszt unter den Musikstars nicht nur einer der meistgefeierten Künstler, sondern auch einer, der während seiner ganzen Laufbahn im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit lebte und arbeitete. Aus dem jungen Wunderpianisten der Pariser Salons wurde eine Persönlichkeit, die den Forderungen der Zeit perfekt entsprach – und dies nicht nur aufgrund werbewirksamer Äußerlichkeiten oder romantischer Aspekte seines Privatlebens. Zwar waren das blonde, später schneeweiße Haar, das extravagante Erscheinungsbild und die Damenschar verliebter Anhängerinnen, die Liszt selbst im Greisenalter noch begleitete, sicherlich sein Markenzeichen, doch rechtfertigten Kollegialität und Verantwortungsbewusstsein, Wohltätigkeit und künstlerisches Sendungsbewusstsein die Wirkung, die seine äußere Erscheinung und die zuweilen theatralischen Gesten erweckten, weitgehend.
„Haben Sie Liszt gesehen? Er ist immer noch der schöne Junge wie einst! Wie mächtig! Wie viele Emotionen! Welch mitreißender Charme, welch Großmütigkeit!“ – schrieb einer seiner Anhänger in den 1860er Jahren, bereits nach seinen Jahren als Virtuose, und in dieser begeisterten Äußerung finden wir das Gros von Liszts positiven Eigenschaften. So neben dem Charme auch die Großmütigkeit, denn einen selbstloseren und hilfsbereiteren Musiker gab es in der Musikgeschichte kaum. Seine Popularität stellte er unzählige Male in den Dienst von Kollegen und wohltätigen Angelegenheiten. Liszt, der zu Beginn noch sehr viel bekannter und anerkannter als Richard Wagner war, dirigierte die Kompositionen seines zukünftigen Schwiegersohns nicht nur, sondern propagierte seine Kunst mit einer Vielzahl von Klavierbearbeitungen. Mittels Bearbeitungen und Reminiszenzen verhalf er auch Komponisten zu Popularität, zu denen er keinerlei persönliche Beziehung hatte und mit denen ihn auch keine sonderliche künstlerische Verwandtschaft verband – denken wir dabei nur an seine von Verdis Opern inspirierten Paraphrasen. Diese Selbstlosigkeit genossen auch auf Unterstützung angewiesene – voneinander überaus abweichende –musikhistorische Persönlichkeiten wie Bruckner oder Smetana. Über die immense Anzahl von Wohltätigkeitskonzerten in Ungarn hinaus verdanken auch die Beethoven-Denkmäler in Bonn und Wien ihre Existenz zu einem bedeutenden Teil Franz Liszt.
Liszt, der seinen Ruf und seine internationale Anerkennung weit über die Epoche der Romantik hinaus bewahrte, stand bis zu seinem Tod im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und Pest sowie die junge Musikakademie profitierten ebenso von dem Interesse an ihm wie Weimar oder Bayreuth. „Wenn er kam, war das für Budapest immer ein Fest“ – heißt es in einer Erinnerung, doch der betagte Liszt wurde auch andernorts gefeiert: Der 50. Jahrestag seiner musikalischen Laufbahn war in Budapest 1872 ein dreitägiges Fest, zu Ehren seines 70. Geburtstags wurde in Rom eine ganze Konzertreihe veranstaltet. Im Jahr seines Todes, bei seiner letzten Konzerttournee empfing ihn die englische Königin Viktoria in Windsor, um sich am Klavierspiel des Meisters zu ergötzen.
Liszt kamen bereits zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen zu, während heute Denkmäler und Plätze – in ganz Europa – an ihn erinnern. Und dies nicht nur auf dem Kontinent, ja nicht einmal nur auf unserem Planeten, denn den Namen dieses Stars aus dem 19. Jh. trägt ein Krater auf dem Merkur, während zwischen Mars und Jupiter ein kleiner Planet kreist: der 3910 Liszt.