„Wie Liszt mit dem Klavier umgeht, ist mit Worten nicht zu beschreiben; wenn er seine Hände auf die Bestie mit den vielen Zähnen legt, dann hört diese auf, Klavier zu sein; sie wird zu einem lebendigen Wunder, das mit seiner Stimme droht, als würde das Ungeheuer der Apokalypse auf uns niederdonnern; dann unterwirft sich das Ungeheuer und beginnt, sanft von den tiefsten Geheimnissen des Herzens zu sprechen, für die es keine Worte gibt; es fängt den Mondschein ein und die Sommertage unterm Sternenhimmel und zieht so das ganze Himmelszelt näher zu uns heran.“ Mit diesen vielleicht weniger fachlichen, doch umso anschaulicheren Worten würdigte der Schriftsteller Mór Jókai die Leistungen von Franz Liszt, und dies war im Großen und Ganzen die typische Reaktion des zeitgenössischen Publikums. Liszt war nämlich der Grand Fascinateur des Klaviers, so schrieb man schon bei seinem ersten Auftritt 1823 in Pest über die Virtuosität des „hübschen blonden Buben“, des Wunderkindes: „Er zeigte eine derartige Geschicklichkeit, Leichtigkeit, Genauigkeit, angenehme Kraft und meisterhaftes Können, dass es die gesamte edle Gemeinschaft mit Wonne erfüllt und zur Bewunderung hinreißt“.
Liszt perfektionierte sein Klavierspiel in Paris, denn obschon er nicht an das Conservatoire aufgenommen worden war, bot die Stadt – die damals Pianopolis genannt wurde – dem jungen Musiker auch so außerordentliche Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. In Paris herrschte nicht nur ein reiches Angebot an Musikpädagogen und meisterhaften Pianisten, sondern auch an Manufakturen, die das Instrument perfektionierten und in Serie produzierten, eine von diesen war die angesehene Firma Érard, die Liszt förderte. In den Salons der Aristokraten und Bankiersfamilien fand der Pianist, der schon immer Wert auf sein feines Erscheinungsbild gelegt hatte, bald ein ergebenes Publikum.
Auch der Wettbewerb wurde hier rasch zu einem Teil von Liszts Leben. Seine Freundschaft zu Frédéric Chopin kann ebenso als Beleg dafür dienen wie der Wettstreit, zu dem es zwischen Liszt und Sigismund Thalberg im Salon der Prinzessin Belgiojoso kam. („Thalberg ist der erste aller Klavierspieler – Liszt aber der einzige“ – so lautete das endgültige Urteil der italienischen Prinzessin.) Der Virtuose aber, der Liszt am ehesten zur Selbstprüfung und zum Wettbewerb anspornte, war ein Violinist: Niccolò Paganini, der Teufelsgeiger. Sein Einfluss machte sich nicht nur an der Bühnenpräsenz und dem Klavierspiel Liszts bemerkbar, sondern auch an seine Kompositionen, denn die Klavierstücke waren von da an von immer neuen Effekten begleitet, er ging an die Grenzen des Instrumentalspiels, sein Vortrag entsprang der Seele des Instrumentes. Und da er die Stücke für sich selbst komponierte, stellt ihr perfekter und inspirierter Vortrag ganze Generationen von Pianisten bis heute auf die Probe –, wovon wir uns mit Sicherheit auch beim Internationalen Klavierwettbewerb des Gedenkjahres werden überzeugen können.
Das Talent des jungen Pianisten war durch seine Konzertreisen europaweit bekannt – von London bis Sankt Petersburg und natürlich Pest-Buda. „Großer Musiker im Erdenrunde“ – heißt die Anfangszeile des Gedichts An Franz Liszt von Mihály Vörösmarty, denn sein Ruf erstreckte sich so gut wie auf die gesamte westliche Zivilisation. Und obschon Liszt in reiferen Jahren seine Auftritte als Konzertpianist bedeutend reduzierte, blieben seine manuelle Fertigkeit, seine hexerische Technik und der überwältigende Zauber seiner Bühnenpräsenz erhalten, womit dem Meister die scherzhaft Anrede, die in einem ungarischen Witzblatt unter der Karikatur von Liszt zu lesen war, vollkommen zustand: „Fortissimus pianista, Claviator maximus.“