„Aus Russland traf er mit seiner Offenbacher Reisekutsche ein, die als eine Neuheit galt und von der er zwei hatte… Diese Kutschen wurden sehr bewundert. Sie waren mit jedem Luxus, mit jeder erdenklichen Bequemlichkeit ausgestattet und dienten tags als Salon, als Speisesaal, nachts hingegen als Schlafzimmer.“ In einer zeitgenössischen Biografie Liszts kann man von dieser mobilen Unterkunft lesen, mit der er kreuz und quer durch Europa reiste und die sehr zu dem Weltbürger, der sich beinahe überall zu Hause fühlte, sowie zu seinem romantischen Lebensstil auf der Wanderschaft passte. Liszt fühlte sich nämlich tatsächlich in den verschiedensten europäischen Ländern, Königreichen und Fürstentümern zu Hause, die in vielerlei Hinsicht vielfältiger als heute waren. Er genoss diesen wunderbaren Reichtum an Abwechslungen sowie die markanten Züge der nationalen Melodien, die der aufmerksame und aufgeschlossene Komponist verstand und verarbeitete. In seinen Konzertwerken erklingen somit: alte hussitische Lieder und neapolitanische Canzoni, spanische Rondos und feierliche Polonaisen, die englische Hymne God Save the Queen und natürlich eine ganze Reihe ungarischer Lieder und Rhapsodien.
Der junge Liszt wurde in der freigeistigen Atmosphäre der Pariser Künstlergesellschaft zu einem echten Weltbürger und behielt diesen Blick auf Europa sowie die weltmännische Ungezwungenheit später auch als Kapellmeister des Großherzogtums Weimar ebenso wie als Bewohner der „ewigen Stadt“ oder als Klavierprofessor in Budapest bei. Seine Laufbahn war eine echte internationale Karriere: Er schrieb eine französische Oper (die als Jugendlicher komponierte Oper Don Sanche), gründete einen deutschen Musikverein und eine ungarische Musikakademie, und neben den verschiedenen Schauplätzen seiner Konzerte und den Auszeichnungen kannte auch die großzügige Wohltätigkeit Liszts keine Landesgrenzen – von Hamburg bis Paris, von Bonn bis Budapest. Wenn man so will, belegt sogar sein Liebesleben die Überwindung sprachlicher und ethnischer (sowie gesellschaftlicher) Unterschiede, doch seine immerwährende Offenheit und Unvoreingenommenheit zeigt ebenso sehr die internationale Schar von Schülern. Ein Paradebeispiel für diese Offenheit ist wohl die Weimarer Periode des Komponisten, denn auf das Programm der Stadt, die nach dem Tod Goethes nahezu vollkommen verblasst war, setzte er nicht nur die Werke der fortschrittlichsten deutschen Komponisten seiner Zeit, sondern auch Werke von Berlioz und Verdi, und bereits eine ganze Weile nach seinem Rücktritt war er es, der 1877 die Welturaufführung der Oper Samson und Delila von Camille Saint-Saëns in Weimar erwirkte. „Heimattreu, wohin du dich gewandt“ – so lautet die zweite Zeile der bereits erwähnten Ode Vörösmartys an Franz Liszt, und nahezu das gesamte Leben des Musikers zeugt hiervon. Denn obschon der in Doborján (heute Raiding im Burgenland) geborene Musiker die ungarische Sprache nie perfekt beherrschte, vergaß er seine nationale Bindung und patriotische Pflicht nie. „Mein Leitstern soll sein, dass Ungarn einmal stolz auf mich zeigt“ – schrieb er einst, während er in einem anderen Brief die Motive seiner aktiven Heimatliebe folgendermaßen zusammenfasste: „Da ich in Ungarn geboren wurde, gehört es sich so, dass man hier, gleich in welch geringem Maße, Nutzen aus meiner musikalischen Begabung zieht. Statt meine Heimatliebe mit Phrasen überaus betonen zu wollen, geht es mir eher darum, den damit einhergehenden Aufgaben nachzukommen.“