Die freundschaftlich-kollegiale Selbstlosigkeit Franz Liszts, mit der er sich Richard Wagners annahm, gehört zu den bedeutenden und zugleich wahren Gemeinplätzen der Musikgeschichte. Liszt erkannte nicht nur den „kühnen und erhabenen Genius“ seines jüngeren Kollegen und propagierte nicht nur dessen Kunst, sondern half Wagner auch aktiv zu überleben und voranzukommen, als dieser nach dem Scheitern des Aufstandes in Dresden 1849 fliehen musste. Obgleich er die skandalöse Liebesbeziehung zwischen seiner Tochter Cosima – verheiratet und Mutter mehrerer Kinder – und dem ebenfalls verheirateten Wagner strikt ablehnte, überwog mit der Zeit seine freundschaftliche Bewunderung. Diese Versöhnung belegen zahlreiche Besuche Liszts in Bayreuth, wo sich das Ehepaar niederließ, sowie das gemeinsame Konzert im Budapester Redoutensaal 1875, mit dem der Bau des Festspielhauses Bayreuth unterstützt werden sollte. Liszt half seinem Schwiegersohn bei den Festspielen, die damals noch in den Kinderschuhen steckten: Er nahm ebenso an den Proben teil wie auch bei der Uraufführung des Parsifal. So betrachtete der betagte Liszt es ebenfalls als seine Pflicht, auch bei den ersten Festspielen nach dem Tod Wagners zugegen zu sein und reiste im Sommer 1886 das letzte Mal nach Bayreuth, wo er während der Festspiele verstarb und begraben wurde – mit einer Ehrenwache seiner Schüler, aufgebahrt in der Villa Wahnfried. Und obschon der Wagner-Kult, an dem Cosima mit starker Hand arbeitete, Liszt in den Augen vieler zu einer nützlichen Nebenfigur degradierte, zeugt das Mausoleum des Komponisten in Bayreuth heute viel eher von der nahen Beziehung zweier autonomer Genies als von einem angenommenen oder tatsächlichen künstlerischen Rangunterschied.