„Thauet ihr Himmel von oben, die Wolken mögen regnen den Gerechten; die Erde thu’ sich auf, und sprosse den Heiland.“ Mit diesem alttestamentarischen Zitat aus dem Buch Jesajas und der gregorianischen Melodie Rorate coeli beginnt das monumentale Oratorium Christus von Franz Liszt, das am wichtigsten Tag des Bizentenariums, am 22. Oktober, dem Geburtstag des Komponisten, weltweit in zahlreichen Städten zeitgleich erklingen wird. Denn so wie der World Creation Day 2009 Haydns Oratorium Die Schöpfung zu einem gemeinsamen Erlebnis auf mehreren Kontinenten gemacht hat, so wird nun dieses dreiteilige, insgesamt aus 14 Sätzen bestehende Werk zu aller Freude zu hören sein. Das Oratorium, das den Lebens- und Leidensweg Christi von der Krippe in Bethlehem bis zur Auferstehung erzählt, wird bereits seit dem 19. Jh. bis zum heutigen Tage als ein romantisches Pendant zum Messias sowohl von religiösen Musikliebhabern wie auch von Agnostikern, die die göttliche Präsenz allein in der Kunst sehen, verehrt. Das zu den lateinischen Texten aus Bibel und katholischer Liturgie komponierte, beinahe dreistündige Oratorium Christus wurde dem Publikum das erste Mal Ende Mai 1873 präsentiert – in Weimar, unter der Leitung des Komponisten. Im November desselben Jahres ertönte das Werk – nun dirigiert von János Richter – in der Pester Redoute: Mit dieser ungarischen Premiere feierte man gewissermaßen das 50jährige Jubiläum Liszts als Musiker. In dem Oratorium wechseln sich reine Orchestersätze mit Sätzen komponiert für Gesangssolisten, Chor und Orchester bzw. mit Sätzen für Chor und Orgelbegleitung ab. Die Abschnitte, die an das Leben Christi erinnern, und die liturgischen Gebete, die Reflexionen zur Leidensgeschichte Christi bilden eine weniger dramaturgische als vielmehr mystische Einheit, die auf dem Neuerleben der heiligen Geschichte basiert. In der Musik des Oratoriums, das Teil der römischen Periode Liszts ist, sind zahlreiche frühere Stilmerkmale seiner Kunst sowie zukünftige Idiome zu erkennen: Die Zitate mittelalterlicher gregorianischer Sequenzen, die schon fast asketisch abgeklärten und reich instrumentierten Momente sowie die manches Mal geradewegs an die romantische Oper erinnernden Abschnitte wechseln sich in dem Werk ab, das an mehreren Stellen den Einfluss Bachs und Palestrinas widerspiegelt und dessen Lösungen zuweilen geradewegs auf Bartók vorausweisen. Mit dem markant volkstümlichen Ton, dem Bass der Sackpfeife und der akustischen Skala ist der 4. Satz, der Hirtengesang an der Krippe, ein ausgezeichnetes Beispiel dafür; eine autographe Faksimile-Ausgabe des Satzes ist vom Gedenkmuseum und Forschungszentrum Franz Liszt ebenfalls für das Jubiläum am 22. Oktober vorgesehen.
Aus Anlass des Liszt-Bizentenariums initiieren die ungarischen Koordinatoren des Liszt-Jahres 2011, das Musik-Büro KLASSZ der Hungarofest Nonprofit GmbH und der Ungarische Musikrat, eine internationale Kooperation, in deren Rahmen das Projekt World Liszt Day zum 200. Jahrestag der Geburt von Franz Liszt angekündigt wird. Ziel des Projektes ist es, dass am 22. Oktober 2011 als Höhepunkt der feierlichen Erinnerung an den Komponisten weltweit in so vielen Konzertsälen wie nur möglich das Oratorium Christus von Franz Liszt erklingt, und damit die Ereignisse des Liszt-Jahres in aller Welt zu einer großangelegten Begegnung vereint werden.