Konzert im Vatikan

Freitag, 2011, Mai 27 - 18:00

Program: 

Liszt-Kocsis: 
Festmarsch zu Goethe's Jubiläumsfeier
Vallée d'Obermann 
Ave Maria

Franz Liszt: 13. Psalm für Tenor, Chor und Instrumente
(Solist: István Horváth)

 

Liszt vergaß die Bindung, die ihn von seiner in Doborjan verbrachten Kindheit an mit dem christlichen Glauben verband, selbst in den stürmischsten Jahren nicht. „Du gehörst der Kunst, nicht der Kirche“ – versuchte Ádám Liszt seinen damals 15-jährigen Sohn Franz zu überzeugen, der genug von der Rolle des in den Salons gefeierten „Künstler-Haustieres“ hatte und sich zunehmend für den Beruf des Pfarrers interessierte. Die väterliche Autorität siegte, aber Liszt hat in den 1860er Jahren trotz seiner Erfolge als Klaviervirtuose, Komponist und Dirigent und der Skandalen seines Privatlebens der inneren Berufung, der katholischen Kirche beizutreten, gefolgt. „Ich bin dem kirchlichen Orden beigetreten – doch keineswegs aus Missachtung der Welt oder noch weniger, weil ich die Kunst leid bin–erklärte Liszt nachdem er im April 1865 kleinere kirchliche Würden bekleidet hatte und so Kleriker wurde. Liszt, der in seiner in Rom verbrachten Zeit immer mehr vertiefter geworden ist, hat sich von der Welt tatsächlich nicht entfent: er hat nach wie vor die neue Musik, und besonders die Musik von Richard Wagner begeistert vertreten und brachte mehrere Dutzende Schülern in Budapest, Weimar und Rom das leidenschaftlishe Klavierspielen bei. Allerdings nahm die sakrale Musik in seinem Schaffen immer größere Rolle ein, auch in seinen „weltlichen” Werken lässt sich die tiefe Religiosität des Komponisten erkennen. Liszt konnte trotz dem Wunsch von Pius, dem IX. nicht zum „neuen Palestrina” werden, und die Kirchenmusik erneuern, sein Oeuvre hatte jedoch die religiöse Musik mit großartigen Werken bereichert, mit Oratorien und Messen, Orgelkompositionen und Legenden auf Klavier, die auch in den sekularisierten Konzertsaalen andächtige Atmosphäre schaffen.

In Weimar hat Liszt eigentlich Goethes Erbe angetreten, als er als gefeierte Persönlichkeit die Führung des Herzogtums an seine Schultern nahm. In 1894, anlässlich des 100. Geburtstages der ehemaligen Dichterkönigs hat er den Festmarsch zu sakularfeier Goethes komponiert, der eine Reihe von Neuerungen in den Harmonien beinhaltet. Dieses Werk wurde von Liszt auf Klavier komponiert, mit der Instrumentation für das Orchester beauftragte er seine Mitarbeiter August Conrardi und Joachim Raff. Acht Jahre später hat Liszt das Stück für die Einweihung des gemeinsamen Denkmales von Goethe und Schiller wesentlich verändert, und hat diesmal die Instrumentation selber übernommen. Auf dem Konzert von heute wird die erste Version zu hören sein, wo die ursprüngliche Liszt-Komposition von Zoltán Kocsis orchestrisiert wird.

Obermann, der Briefroman des französichen Schriftstellers, Étienne Pivert de Senancourts (1770-1864), der in der Schweiz stets unterwegs war und die Schönheiten der Natur mit einer Fülle von Reflexionen begleitete, hat das Stück Obermann-Tal inspiriert. Dem Werk, das Liszt wie üblich ständig umgearbeitet hatte, sind neben einem Zitat aus Byrons Child Harold einige Zeilen von Senancourt vorangestellt: „Was will ich? Was bin ich? Was verlange ich von der Natur? ... Jegliche Ursache ist verborgen, jeder Zweck trügerisch; jede Gestalt verändert sich, jegliche Dauer vergeht. ... Ich existiere, um mich in unbezähmbaren Begierden zu verzehren, mich am Zauber einer Scheinwelt zu berauschen, und endlich an ihrem wollüstigen Trug zugrundezugehen.“

Der tief religiöse Liszt hat während seines Lebens das sakrale Thema von Ave Maria mehrmals aufgearbeitet. Zu diesen Werken gehört auch das Klavierstück aus 1862, das der Untertitel „Die Glocken von Rom” trägt, und wie die anderen Werke auf dem Konzert von Zoltán Kocsis orchestrisiert wird. Der Dirigent-Komponist empfiehlt dem Publikum seine Orchestrisierung mit folgenden Gedanken:

„Wir haben genug Gründe anzunehmen, dass der Mehrteil von Liszt’s Kompositionen nur als Klavierstück erhalten geblieben ist, da die Orchestrisierung und der Vortrag durch das Orchester allem Anschein nach zu hohe Aufwand erfordert hätte. Geschwiegen von der legendären Technik Liszt’s, die nach der unbestrittenen Meinung der Zeitgenossen die Illusion eines vollständigen Orchesters erwecken konnte. Was Liszt als Instrumentateur anbelangt, gehen die Meinungen schon auseinander. Die Fakture ist für unsere Ohren manchmal überraschend vereinfacht oder an anderen Stellen unbegründet kompliziert. Es wäre naiv, anzunehmen, dass Liszt von den Orchestern solche Intensität und Kohärenz erwartet hätte, die er mit seinem eigenen Instrument schaffen konnte. Während meiner Arbeit war ich bemüht, all die Ergebnisse bei der Orchestrisierung zu verwenden, die anhand Liszt’s Arbeit von solchen Komponisten weitergedacht und ausgearbeitet wurden, bei denen Liszt’s Wirkung unverkennbar ist. Natürlich wollte ich die Falle des Anakronizmus vermeiden, und blieb beim Zusammenstellen der Instrumente bei den typischen Liszt-Orchestrisierungen.”

In den Weimarer Zeiten, ganz genau im Jahre 1855 fing Liszt mit der Arbeit an dem Psalm 13. an, und komponierte ihn auf Tenorsolo, Chor und Orchester. Im November selben Jahres wurde der Psalm 13. in Berlin uraufgeführt. „Aus meinem ganzen Herzen” – schrieb Liszt über das Werk, und erklärte die Tenorlage, die die Klagen von König David audruckte, mit folgenden Worten: „ich ließ darin mich selbt singen und der Zorn von König David strömte in mein eigenes Blut und Fleisch.”