Mihály Szegedy-Maszák, Professor der vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft, ist Mitglied des Programmausschusses und Vortragender der zwischen dem 18-21. stattfindenden Konferenz „Liszt und die Künste”. Den musikliebenden Akademiker haben wir über die Thematik der Konferenz und natürlich über Liszt gefragt.

-„Die vergleichende Analyse der verschiedensten Gattungen ist ein anlockendes Forschungsgebiet, kann aber mit der Gefahr einhergehen, dass man die bildende Kunst oder die Musik zu ’literarisch’ deutet. Diese Gefahr besteht äußerst beim Vergleich von Literatur und Opera.” – schreiben Sie in Ihrer Studie. Liszt schuff außer der in diesem Jahr mehrmals vorgetragenen Don Sanche keine Oper, seine vokalen Kompositionen sind meist religiös oder basieren wenigstens auf sakralen Texten, die intermedialen Referenzen seiner Werke beschränken sich auf Titel, Mottos und in die Note skizzierte Zitate. Wie kann man das Verhältnis von Liszt und der Kunstgattungen relevant analysieren?
- Vor allem muss man den Unterschied im Verhältnis der Musik zu der bildenden Kunst und zur Literatur klar sehen. Über die Überführung eines Gemäldes oder einer Statue in die Musik kann man wohl nachdenken, aber nur sehr mühsam. Die Literatur und die Musik stehen einander viel näher, besonders im Falle von vokalen Werken. Die Vertonung ist jedoch keine Interpretation des Gedichtes. Ich bin der Meinung, dass das dichterische Werk in der Vertonung transformiert wird oder sogar ganz verschwindet. Nur so findet man eine Erklärung für solche Fälle, wo aus weniger bedeutenden literarischen Werken meisterhafte Vertonungen werden.
- Nicht nur die verschiedenen Kunstgattungen hatten ihre Wirkung auf Liszt, er selber inspirierte zahlreiche Werke (Gemälde, Romane, Gedichte). Sind diese Werke nur aus der Sicht der Biographie oder auch aus der Sicht der Ästhetik wichtig?
- Ich meine, der Aspekt der Biographie ist wichtiger. Im Hinblick auf die Ästhetik sind diese Werke weniger bedeutsam.
- Liszt schrieb mehrere Bücher, Artikel und unzählige Briefe. Sind diese nur in Bezug auf die Musikwerke wichtig oder kann man sie auch als literarische Werke betrachten?
- Das ist eine sehr schwierige Frage. Liszt konnte vor allem auf französisch und deutsch schreiben. Es gab wenige Komponisten, die in diesem Maße zweisprachig waren. Man muss aber immer beachten, dass er seine Texte manchmal in Zusammenarbeit mit Marie d'Agoult und Carolyne Sayn-Wittgenstein schrieb.

- Sie befassen sich in Ihrem Vortrag mit den literarischen Werken, die Liszt wohl kannte und für bedeutend hielt. Welche Quellen standen Ihnen über die literarischen Kenntnisse Liszts zur Verfügung und zu welcher Schlussfolgerung sind Sie gekommen?
-Den Ausgangspunkt bieten vor allem sein Briefwechsel und seine Prosawerke. Er schloss sich Goethes Ansichten über die Weltliteratur an. Aus diesem Grunde schrieb er eine Faust und eine Dante Symphonie. Die zur Vertonung ausgewählten Texte seiner Zeitgenossen selektierte er anhand persönlichen Gründen.
- Während der Analyse des Verhältnisses von Literatur und Musik kann man die Frage der Sprache nicht außer Acht lassen. Obwohl Liszt der ungarischen Sprache eigentlich nicht mächtig war, hatte er Beziehungen zu der ungarischen Literatur. Ist dieses Verhältnis anders als zur deutschen, französischen oder zur italienischen Literatur?
- Seine Italienisch-Kenntnisse waren im Vergleich zu seiner Deutsch- und Französischkenntnissen wahrscheinlich weniger gut. Obwohl er bemüht war, Kontakte mit der ungarischen Literatur aufzubauen, ist es viel wichtiger, dass sich die ungarischen Autoren an ihm wegen seinem Europäertum ein Beispiel nehmen konnten.
- Als Mitglied des Ungarischen UNESCO Ausschusses hatten Sie großen Anteil daran, dass Liszt dieses Jahr von der ganzen Welt gefeiert wird. Wie hat sich Ihrer Meinung nach 2011 das Urteil über Liszt geändert? Hat die Welt akzeptiert, dass Liszt Ungar ist?
- Im Grunde genommen hat sie es akzeptiert. Aber wir, in Ungarn, sollten erkennen, dass er auch ein Europäer Komponist war, da seine Kunst von Bellini, Berlioz und Wagner gleich beeinflusst war.
-Bald sind die Veranstaltungen des Bizentenariums zu Ende. Welche Veranstaltungen In- oder Ausland haben Sie für besonders bedeutend gehalten? Haben Sie etwas vermisst?
-Ein Teil der Aufnahmen, die wegen dem Liszt Plattenpreis eingetroffen sind, hat mich enttäuscht. Es ist nicht von Vorteil, dass meistens die gleichen Werke von Liszt ertönen. Ende Oktober in Bayreuth habe ich einen großartigen Vortrag von Les préludes erleben können. Da dirigierte Christian Thielemann, dessen Einladung ich auch schon vor Jahren merhmals, jedoch ohne Erfolg betrieb. In Ungar treffen die Entscheidungen nicht immer Experten.