Monika Balatoni: „Liszts Muttersprache ist die ungarische Musik”

- Das Ergebnis und den Erfolg von thematischen Jahren kann man nicht gleich exakt beurteilen, da ihre  Wirkung nur später messbar ist. Mithilfe der Zahlen können wir aber doch leicht eine Bilanz ziehen. Liszt schien dieses Jahr wirklich alle ansprechen zu können, woran Hungarofest – als Korrdinator der in- und ausländischen Programmen des Liszt-Jahres - einen großen Anteil hatte.

- Über die Statistik der vergangenen, beinahe 365 Tage sprechend, kann ich feststellen, dass in diesem Jahr täglich mindestens 60 Minuten Liszt-Musik irgendwo in der Welt ertönte. Das bedeutet fast 300 Konzerte in mehr als 20 Ländern, beinahe 500 Künstler traten mit einem Liszt-Programm vor das Publikum. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass diese Bilanz ausschließlich die Zahl der Konzerte berücksichtigt. Neben Konzerten gab es Theater- und Filmaufführungen, thematische Ausstellungen, Tanz- und Literaturabende. Wir dürfen die monatlich stattfindenden Schoko-Konzerte auch nicht vergessen, auf denen die Kinder die klassische Musik kennen lernen können. Das Liszt-Jahr bot nicht nur für die Fans der klassischen Musik Programme, sondern auch für diejenige, die sich nur Kostproben von Liszt wünschten, und manchmal wagten, sich auch mit schwierigeren Werken, wie zum Beispiel das Christus-Oratorium auseinander zu setzen. Das Programm war also unglaublich vielschichtig, damit ein jeder den für ihn sympatischen Teil aus Liszts Kunst finden konnte. Ich halte es auch für einen großen Erfolg, dass wir die verschiedenen Generationen erreichen konnten, von den Jugendlichen bis zu den Ältesten.

 

- Es gab mehrere erinnerungsschwere Ereignisse, Konzerte, das World Liszt Day werden wir jedoch bestimmt nicht vergessen. Am 200 Geburtstag von Liszt ertönte das Opus Magnum des Meisters, das Christus-Oratorium, in zahlreichen Konzerthallen der Welt – unter anderem in Paris, Wien, Bayreuth, Vilnius und Seoul. Das ungarische Publikum konnte sich es am 22. Oktober in Budapest, Eger, Győr, Kecskemét und Sopron anhören. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, dass dieses Ereignis das größte, internationale Echo hatte.

-Es klingt ein bisschen pathetisch, aber ich denke, dass der riesengroße Erfolg dieses Tages wirklich unvergesslich ist. Das andere, zentrale Ereignis des Bizentenariums war das Ende Mai im Vatikan gehaltene Konzert. Dieses Prestigeereignis war ein würdiges Gedenken an den religiösen Ferenc Liszt. Man ruft sich auch das neue Wege suchende Kammermusikfestival „Liszt und Europa” mit Vorliebe in die Erinnerung. Desweiteren möchte ich auch das Konzert hevorheben, das Anfang des Jahres, am 26. Februar, also noch in der Periode von Ungarns EU-Präsidentschaft, im Palast der Künste stattfand, wo die Jugendlichen der mitteleuropäischen Länder gemeinsam musizierten. Wir dürfen das beliebte, viele Besucher anlockende Liszt-Marathon nicht vergessen, das mit vielen Crossover-Konzerten vor allem auf die Familien abgezielt war. Kurz und gut, es ist genial, dass man sich innerhalb eines Jahres so viel mit der klassischen Musik, mit dem Erbe Liszts, mit den Berührungspunkten beschäftigen kann, was einen auch zum Weiterdenken veranlasst.

-Über die handgreiflichen Erinnerungen, die uns vom Bizentenarium übrig bleiben, haben wir noch gar nicht gesprochen. Denken wir zum Beispiel an die Referenz-CD des Liszt-Jahres, auf dem Gábor Farkas als Solist und die Nationalphilharmoniker geleitet von Zoltán Kocsis zu hören sind.

- Die von Ihnen erwähnte Aufnahme, die auf dem Eröffnungskonzert des Liszt-Jahres, am 22. Januar aufgenommen wurde, ist nur eine in der Reihe der Ausgaben, die in diesem Jahr erschienen. Leider konnte nicht alles mit der Unterstützung von Hungarofest verwirklicht werden – unser Budget betrug nur 400 Millionen Forint. Es ist erfreulich, dass das Liszt Ferenc Gedenkmuseum eine touch-screen Datenbank erhalten hat, die das Leben des Komponisten mit den modernsten Techniken, auf ungarisch und englisch aufarbeitet.

- Liszt Ferenc, François Liszt, Franz Liszt – sind nur drei Beispiele dafür, wie viele Nationen den ungarischen Komponisten als ihr Eigentum betrachten. Muss oder kann man diese Frage überhaupt entscheiden, oder sollen wir uns damit zufrieden geben, dass Liszt nicht den Franzosen, nicht den Österreichern, nicht uns, sondern allen gehört?

-Sein berühmter Spruch über sein Ungarntum ist auf Französisch erhalten geblieben. In Paris wird François Liszt nicht nur in 2011, sondern jedes Jahr gedacht; sein Erbe betrachten die Franzosen ebenso als ihr Eigentum wie wir. Ein anderer, kultischer Standort ist Bayreuth, wo auf die Eigeninitiative von Edit Klukon, Dezső Ránki und Gergely Bogányi dieses Jahr neben dem Grabmal eine Statue aufgestellt wurde. Es ist auch selbstverständlich, dass die Österreicher Liszt als ihr Landsmann ansehen, da er in dem burgenlandischen Raiding (Doborján) geboren ist. Fragten wir die Deutschen, würden Sie Liszt in erster Linie als deutscher Komponist identifizieren. Was im Falle von Ungarn von besonderer Bedeutung ist, und das können andere Länder nicht leugnen, dass er nur in Ungarn eine Schule gründete. So hat die Musikakademie in Budapest die Aufgabe, das geistige Erbe Liszts zu pflegen und weiter zu geben.

- Die Rekonstruktion der Musikakademie wird im Gegensatzt zu den ursprünglichen Plänen nur im Jahre 2013 abgeschlossen. Dies stellt jedoch die Frage, ob man nach Ende des Bizentenariums mit der Fortsetzung der Programme rechnen kann.

-Am Ende eines Jahres wird ein geistiges  Erbe nicht abgeschlossen, deshalb planten wir auch kein Abschlußkonzert des Jahres. Nach einem Gespräch mit dem Rektor der Musikakademie sind wir auf die Idee gekommen, dass wir die Programmreihe im ersten Viertel des kommenden Jahres fortsetzen werden. Wir planen, die Gewinner der großen, internationalen Liszt-Wettbewerbe nach Budapest einzuladen. Dieses Klavierkonzert wäre der Abschluss des Liszt-Jahres und gleichzeitig auch eine Weiterführung. Damit wollen wir auch unsere Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass Liszt nach wie vor ein wichtiger Teil des in- und ausländischen Konzertrepertoire bleibt.