Die mit dem Wandel der Welt manchmal zwangsläufig einhergehenden Wertkrisen erreichen oft die Geister zuerst, die von unmittelbarster Wirkung sind. Franz Liszt ist ein Symbol künstlerischer Freiheit, doch es gibt viele, die seine musikhistorische Bedeutung selbst heute nicht anerkennen, sondern sie bagatellisieren oder geradewegs abstreiten. Sicher ist dennoch: Die Musik Liszts bedeutet für die Musiker eine Herausforderung, die sie zu einer Stellungnahme zwingt. Dieser Herausforderung gerecht zu werden, davon handelt die Musikgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jh.s und der ersten Hälfte des 20. Jh.s, was schon an sich beachtenswert ist. Doch die Kunst von Franz Liszt ist weit mehr als das. Von den kleinsten Etüden bis hin zu den größten Werken finden wir überall jenen unverwechselbaren, individuellen Ton, über den nur die größten Künstler verfügen. Egal in wie viele Epochen wir sein Lebenswerk gliedern, für jede ist jene Attitüde kennzeichnend, die nur aus einer überaus souveränen Grundhaltung erfolgen kann. Dass ein großer Teil dieses gigantischen Werkes nicht seinen eigenen Gedanken, sondern der Tätigkeit anderer Musiker zu Popularität verhilft, setzt allem nur die Krone auf, ist nur ein glänzender Gegenbeweis für diejenigen, die seine Arbeit von Zeit zu Zeit versuchen, in den Schmutz zu ziehen. Keiner seiner Kollegen kann sich eines ähnlichen ästhetischen Horizonts rühmen, einer derartigen Toleranz und Empathie. Gleich ob er seine eigenen musikalischen Ideen oder die Gedanken anderer bearbeitet, immer tut er es großzügig, stilgerecht, mit feinsinnigem Geschmack und einer Al-fresco-Haltung im besten Sinne des Wortes.
Wer Liszt nur hinsichtlich der musikalischen Entwicklungsgeschichte sehen und darstellen will, irrt gewaltig. Ohne seine Arbeit würde die ihm nachfolgende Epoche, die auch heute wohlklingende Namen kennzeichnen, doch vielleicht auch die Musik heute sehr viel anders aussehen. Somit ist er ein ewiger Zeitgenosse, aber die Bedeutung seiner Errungenschaften verbirgt sich nicht nur darin. Der große Erneuerer ist ein unanzweifelbarer Formkünstler, dem scheinbaren Provokateur ist das Gleichgewicht tatsächlich nicht fremd, über das von der zeitgenössischen Kritik oft als leerer Virtuose apostrophierte Phänomen stellt sich aus den Werken heraus, dass er unermesslich mehr ist: ein wahrer Poet. Hinzu kommt, dass wir all das über einen Landsmann sagen können, dessen Ungartum sich in erster Linie nicht in Posen, sondern in Taten unermesslichen Wertes äußerte, um das ungarische musikalische Leben zu fördern. Außer mit stillem Stolz müssen wir dieser bedeutenden Persönlichkeit der universalen Kulturgeschichte, wenn man so will – mit den Worten Béla Bartóks – der Größe der schöpferischen Kraft Franz Liszts damit die Ehre erweisen, dass wir seine Werke so häufig und so authentisch wie möglich spielen.
Zoltán Kocsis
Generalmusikdirektor
Ungarische Nationalphilharmonie